Über viele Jahre herrschten zwischen den USA und
Großbritannien eine unterschiedliche Auffassung oder Philosophie, wenn es um das
Design und die Lufttüchtigkeit von Verkehrsflugzeugen ging.
Es ging um "Fail Safe" oder "Safe Life".
Die amerikanische Denkweise (und somit auch beim Design der
MD-80 berücksichtigt) ist "Fail Safe" und schreibt vor, daß alle
lebensnotwendigen Teile eines Flugzeuges so konzipiert und konstruiert sein
müssen, daß bei einem Schaden ein zweites Element die zusätzliche Belastung
übernehmen kann. Mit diesem Prinzip soll zum Beispiel ein Ermüdungsriss so lange
keinen weiteren Schaden anrichten, bis dieser Defekt entdeckt und dann behoben
wird. Natürlich muss in Testreihen nachgewiesen werden, daß ein bestimmtes Teil
auch diesen Puffer besitzt, aber manchmal reichen auch Hochrechnungen,
Berechnungen und computergestützte Modellversuche. Flugzeuge mit dem "Fail Safe"
- Prinzip sind im Grunde auf unbestimmte Zeit für den Transport von Passagieren
zugelassen. Es versteht sich aber von selbst, daß natürlich alle
Wartungsvorschriften erfüllt werden und das betreffende Flugzeug gut behandelt
werden muss.
Die britische Herangehensweise war über Jahre das "Safe
Life" - Prinzip. Hier war der Ansatz so, daß ein Flugzeug und alle Systeme als
Ganzes nach eingehender Prüfung für eine fest gelegte Lebensdauer
(Flugstundenanzahl und/oder Cycles, also Flüge) zugelassen ist.
Fluggesellschaften wussten ganz genau, wie lange sie ihr Flugzeug einsetzen
können und danach war dann die Verschrottung vorgesehen. Hier sieht man den deutlichsten Unterschied. Während nach
amerikanischer Denkweise ein Flugzeug bei Einhaltung aller notwendigen
Wartungsintervalle prinzipiell "unbegrenzt" einsetzbar ist, so war die britische
Ansicht knallhart: nach einer fest gelegten Anzahl an Flugstunden und/oder
Flügen war Schluss. Erst in den 80er Jahren näherten sich beide Systeme etwas
an, denn es stellte sich heraus, daß beide Systeme ihre Stärken und schwächen
haben.
Die britischen Experten
mussten einsehen, daß es nicht
repräsentativ sein kann, wenn man die Testergebnisse eines Flugzeuges auf alle
anderen Flugzeuge überträgt. "Entschuldigend" sollte man anmerken, daß britische
Design sowieso oftmals eigene Wege gingen und manchmal die identische Lösung für
ein Problem oder für das Bedienen eines Bestandteils im Falle der britischen
Lösung sehr kompliziert war und ist. Nicht ohne Grund sagen Piloten von
britischen Flugzeugdesigns, daß man bei einem Problem lieber sofort ins Handbuch
schauen soll, damit man die Warnung überhaupt versteht. Das Safe-Life-Design schützte nicht vor Abstürzen aufgrund
von Strukturversagen. Die Amerikaner mussten andererseits einsehen,
daß
Hochrechnungen und das Testen einzelner Bestandteile eines Flugzeuges nicht
unbedingt einen gesicherten Aufschluss über das wahre Verhalten eines Flugzeuges
bei einem echten Zwischenfall gibt. Genauso mussten hier die Amerikaner
einsehen, daß auch ihr Fail-Safe-Design nicht vor katastrophalen Versagen
schützte. Darum gibt es seit Jahren eine Mischung beider
Philosophien, denn es ist nicht haltbar, die Nutzungsdauer eines bestimmten
Flugzeuges strikt zu begrenzen. Die amerikanischen Flugzeugbauer übernahmen
(zusätzlich zu ihren eigenen Tests) auch die Tests, die ein ganzes Flugzeug
einer Langzeitbelastung unterwerfen. Solche Tests gab es bei Boeing, McDonnell
Douglas und Co. nicht in dem Maße, wie bei britischen Flugzeugkonzepten. Diese
Tests sind nicht mit den Testreihen zu verwechseln, bei denen Tragflächen nach
oben und unten gebogen werden. Solche Tests gab es auch in den USA schon in den
50er Jahren. Man darf auch den
wirtschaftlichen Aspekt bei dieser Thematik nicht vergessen. Fluggesellschaften
können wirtschaftlicher kalkulieren, Flugzeuge sind unter Umständen mehr wert,
wenn sie "unbegrenzt" geflogen werden können.
Courtesy: McDonnell
Douglas
Courtesy: ?
Die normale,
wirtschaftliche Lebensdauer eines heutigen Flugzeuges (die auf modern getrimmten
Enthusiasten mögen es mir verzeihen) und die Werbung mit einer "einer (ständig) nur 2 Jahre jungen Flotte" der
Airline XYZ ist somit vergänglich), ist auf mindestens 25 Jahre (!) ausgelegt.
Flugzeuge sind sehr teure Güter, wo sich eine gute Betreuung nicht nur in der
Sicherheit, sondern auch finanziell auszahlt. Es ist nur auf dem ersten Blick
verwunderlich, warum noch so viele DC-9 unterwegs sind, viele davon flogen
erstmals 1967/68, also einer Zeit, wo "The Beatles" noch "Penny Lane"
trällerten!
Die Erfahrung von überaus zuverlässigen Flugzeugmustern
verwies auch die britische Denkensweise in die Schranken, denn es zeigte sich
u.a., daß die Fokker F27 oder DC-9 überaus zuverlässig ihre Dienste abflogen und
fliegen und bisher gefährliche Materialermüdung nicht der Hauptfeind war. Das
heißt nicht, daß die DC-9 nicht unter Materialermüdung leidet. Seit gut (mindestens) 20 Jahren gilt die Praktik, daß ein
neues Flugzeug vorerst für eine bestimmte Flugstundenzahl zugelassen wird, zum
Beispiel 40 000 oder 50 000. Die Zulassung wird verlängert, wenn der Hersteller
nachweisen kann, daß der besagte Flugzeugtyp ohne Gefahr auch (zum Beispiel) 100
000 Flugstunden fliegen kann. Vor einigen Jahren erreichten diverse DC-9 die Schallmauer
von 100 000 Flügen und 100 000 Flugstunden und die Zulassung wurde weiter
erhöht. Man mag sich ausmalen, daß auch die MD-80 in ferner Zukunft mit so hoher
Flugstundenzahl aufwarten kann.
Courtesy: McDonnell
Douglas
Zuletzt sei erwähnt, daß es natürlich auch immer wieder
Unterschiede gibt, wenn es um Flugstunden oder Flügen geht. So mussten auch
Lehren gezogen werden, da zum Beispiel Flugzeuge einer Fluglinie mit
Kurzstrecken deutlich schneller auf eine höhere Anzahl an "Cycles" kommen als
vergleichbare Flugzeuge einer anderen Airline. So ist es wenig ratsam, einer
Langstrecken-747 (fiktiv) eine Kontrolle nach 30 000 Flügen vorzuschreiben, da
hier die Flüge viel länger sind und diese Anzahl erst nach Jahren erreicht wird,
somit einfach ausgedrückt, keine größeren Kontrollen zwischen den Intervallen
stattfinden bräuchten, hier aber Defizite bei der Robustheit auftreten können. Die meisten Flugzeuge werden aufwendigeren
(altersbedingten) Checks unterzogen, wenn sie das Alter von ca. 15 Jahren
erreicht haben. Bei weiterhin guter Wartung können solche Flugzeuge aber
problemlos weiter eingesetzt werden. Mit steigendem Alter erhöhen sich aber die Aufwendungen und
die Anzahl der Kontrollen und es kommt - einfach gesagt, irgendwann der
Zeitpunkt, wo sich für eine Fluglinie der Betrieb eines Flugzeugtyps nicht mehr
rentiert. Dieser Zeitpunkt ist wieder vielen Faktoren unterworfen, denn es
stellte sich in der Vergangenheit auch heraus, daß es sich doch rechnen kann,
längst abgeschriebene und alternde Flugzeuge weiterhin einzusetzen (und
auf den Kauf teurer, neuer Flugzeuge zu verzichten), da "nur noch die
Wartungskosten, Kerosinkosten und Personalkosten anfallen" - so einst Air Canada
und sich "eine DC-9 doch noch als profitabel erweist, ihre eigenen Kosten deckt
und einen Gewinn abwirft".
Rasant steigende Treibstoffpreise, eine Reduzierung der
Flotte etc. führt dann aber dazu, daß dann doch der letzte Tag näher rückt. Leider werden dann solche Flugzeuge gerne an zwei- oder
drittklassige Fluglinien veräußert und dort erhalten sie unter Umständen nicht
die nötige Betreuung, die aber mit steigendem Alter immer nötiger wird. Dieses
Problem ist allen Flugzeugherstellern bekannt. Zwar versuchten und versuchen die Hersteller, den Kontakt
mit solchen Fluglinien zu pflegen, stellen aber immer wieder fest, daß Hinweise,
Wartungsvorschriften, Modifikationen usw. gerne ignoriert und/ oder nicht
ausgeführt werden und "auf Gut Glück" geflogen wird. Es ist der guten Struktur
der Flugzeuge zu verdanken, daß nicht täglich Flugzeuge abstürzen, denn vielen
Exemplaren wird viel - zu viel - zugemutet.
Courtesy: Aero
Lloyd
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