ValuJet
Airlines ist ein eindrucksvolles und schmerzhaftes Beispiel für einen
rasanten Aufstieg und darauf folgendem tiefen Fall einer Fluggesellschaft.
Bei fortgesetztem Erfolg wäre ValuJet heute sicherlich ein eindrucksvoller
Betreiber der Boeing 717 (und DC-9/MD-80).
Ungebremstes Wachstum und enormer Anfangserfolg
Der
Aufstieg und Fall der ValuJet Airlines wurde vielfach in den Medien und in
der Fachpresse beschrieben und diese einzigartige Geschichte würde hier den
Rahmen und unsere Möglichkeiten sprengen. ValuJet nutzte das Vakuum der
Eastern Airlines, die in Atlanta einen großen Knotenpunkt unterhielt ,aber
1991 ihren Flugbetrieb einstellten musste. Delta Air Lines hat bekanntlich
ihre Hauptbasis in Atlanta. Delta hatte ein Monopol und so konnte diese
Fluggesellschaft eine Monopol- Preispolitik betreiben. Mitte 1993 wurde die
ValuJet gegründet und diese Fluglinie nahm am 26.10.1993 ihren Flugbetrieb
mit zwei (ex Delta (!)) 113-sitzigen DC-9-32 auf. Der erste Linienflug
(Flugnummer 901) verließ Atlanta um 07:30 Uhr nach Tampa/Florida.
Nur wenige MD-80
kamen bei ValuJet zum Einsatz, obwohl sicherlich der Aufbau einer großen
Flotte geplant war. Von vielen kritisiert, so finde ich das Farbschema der
ValuJet sehr schön/Courtesy: Michael
Carter
ValuJet schlug wie eine Bombe ein. Die Kunden konnten endlich von günstigen
und günstigsten Ticketpreisen profitieren. Die Flugtarife wurden als sehr
einfach und logisch beschrieben. Passagieren wurde im Grunde nur
der reine Flug angeboten, Getränke und Snacks wurden nur gegen Bezahlung
serviert. Die Fluglinie wuchs rasant, in Abständen von wenigen Wochen baute
ValuJet eine immer größere DC-9-30-Flotte auf. ValuJet revolutionierte das
ticketlose Buchungssystem und war die US-Fluggesellschaft mit den
zweitniedrigstem Betriebskosten pro Passagier/pro Meile.
Postkarte/Courtesy: ?
Fortgesetzter Erfolg, aber erste Schatten
ValuJet war hochprofitabel, flog nicht abseits der großen Flughäfen und
dadurch in direkter Konkurrenz zu den etablierten Carriern. Es
wurde in allen Bereichen gespart, Flugzeugbesatzungen mussten sogar ihre
Uniformen selber finanzieren und Piloten wurden durch ein sehr
ausgeklügeltes und einfaches System entlohnt, wobei die Piloten sogar durch
finanzielle Einbußen dazu gedrängt wurden, pünktlich zu fliegen (falls diese
Information stimmt, dann ist diese Praxis sicherlich nicht
sicherheitsfördernd, wenn Piloten z.B. bei Winterwetter auf eine erneute
Enteisung verzichten, weil ihr Flug schon Verspätung hat). Die Wartung ihrer
Flotte wurde von Fremdfirmen durchgeführt. Auslastung, Konzept und Angebot schienen aber für den Passagier zu stimmen,
wenngleich die Fluglinie langsam aber sicher von Erfolg eingeholt wurde und
es immer wieder zu Zwischenfällen im Flugbetrieb kam.
MD-80 der ValuJet/Courtesy: ?
Innerhalb
von zwei Jahren baute ValuJet eine Flotte von über 30 DC-9 auf und die
Airline hatte ab Mitte 1995 Probleme, ausreichend DC-9 zu erwerben.
Großbestellung und Einführung von MD-80
So wurde
die ValuJet als Kunde für 50 Fokker 100 und später (Oktober 1995) für
mindestens 25 Airbus A319 genannt. ValuJet evaluierte über einen längeren
Zeitraum die B737-600, A319 und MD-95,gab aber auch zu verstehen, daß die
Airline auch mit gebrauchten MD-80 weiter expandieren würde ,falls kein
gutes Angebot vorliegen würde. McDonnell Douglas bot sogar fabrikneue MD-87
bis zur Auslieferung von MD-95 an- zu diesem Zeitpunkt galt aber in
Fachkreisen eine Bestellung für A319 als sicher. Am 19.10.1995 bestellte
aber ValuJet als Erstkunde 50 MD-95-30(seit Januar 1998 Boeing 717-200) + 50
Optionen!
Oben: ValuJet wurde
der Erstkunde für die MD-95/ Courtesy: McDonnell Douglas
Zu
diesem Zeitpunkt setzte die Airline 36 DC-9-32 ein .ValuJet gab zeitgleich
auch den Erwerb von weiteren DC-9-31/-32 und erstmals auch DC-9-21 sowie
MD-80 bekannt und es sollten bis Mitte 1996 (Olympische Spiele in Atlanta!)
mindestens 7 oder gar 8 MD-80 erworben werden. Die MD-80 sollten von der Swissair,
Adria Airways und Aero Lloyd übernommen werden. Ab Februar 1996 kamen die
ersten von vier MD-80 zum Einsatz, primär auf Routen ab Atlanta nach
Washington-Dulles, New York La Guardia und Louisville (Kentucky). Die
Crewbasis für die MD-80 war in Washington-Dulles. ValuJet plante den Aufbau einer
respektablen MD-80-Flotte und diese sollten sehr wahrscheinlich auch nach
Auslieferung der MD-95 betrieben werden. Es gab Gerüchte, daß ValuJet mit
der MD-80 eine Expansion in den westlichen Teil der USA erwog - hier wurden
Las Vegas und Little Rock als Ziele genannt. Bis zur Auslieferung der MD-95
würde McDonnell Douglas bei der Suche nach gebrauchten DC-9 und MD-80
mithelfen. Mit der DC-9-21 wurden übrigens neue Strecken erfolgreich
etabliert - hauptsächlich ab Boston und Washington zu Zielen in Florida. McDonnell Douglas konnte somit endlich einen Erstkunden für ihren
neuen 100-Sitzer MD-95 nennen, da sich loyale MD-Betreiber sehr
zurückhaltend verhielten.
Trotz
operationeller Überlastung erfolgreich
ValuJet expandierte weiterhin rasant, aber die
Zwischenfälle (Startabbrüche, Verspätungen, technische Unzulänglichkeiten,
missratene Landungen) häuften sich spürbar. Die
FAA drängte ValuJet, ihre zu starke Expansion etwas zu drosseln und weniger
gebraucht erworbene Flugzeuge in Dienst zu stellen; außerdem wurde die
ValuJet mehr oder weniger stärker von der FAA unter die Lupe genommen. Die
Lage veränderte sich aber nicht wirklich...
Leitwerk einer MD-80 der ValuJet/Courtesy: ?
Mit reellen Kampfpreisen gewann ValuJet immer
mehr Passagiere und die Auslastung erreichte traumhafte Werte - auch als sich
erste "Unregelmäßigkeiten" im Flugbetrieb ereigneten...
Flug 592
Am
11.05.1996 fing eine ihrer DC-9-32 kurz nach dem Start in Miami zum
Linienflug 592 nach Atlanta aufgrund von explodierten, nicht ordnungsgemäß
gesicherten Sauerstoffgeneratoren im vorderem Frachtraum Feuer und die DC-9
stürzte in die Everglades. 110
Passagiere und Besatzungsmitglieder starben.
Dieser Absturz sollte die gesamte Airline-Branche in den USA erschüttern und
ValuJet hatte sich den Vorwürfen zu stellen, schlicht und einfach schlampig
im Flugbetrieb gewesen zu sein. In den Medien wurde (wie immer) spekuliert,
daß das Alter der DC-9 eine Rolle spielte. Auf die Auswertung des
Flugschreibers wurde nicht gewartet, Spekulationen machten die Runde.
ValuJet stellte wenige Wochen nach diesem Absturz freiwillig ihren
Flugbetrieb ein, um einer Stilllegung seitens der FAA zuvor zukommen. Dieser
Schachzug würde es ValuJet ermöglichen, ihren Flugbetrieb mit ihrer Lizenz
wieder aufzunehmen, sobald alle Anforderungen und Kontrollen der FAA
erfolgreich erfüllt seien. Die Untersuchungen deckten unglaubliche Defizite
auf und ValuJet schien unbemerkt von ihren Passagieren völlig überfordert
gewesen zu sein. Einige Flugzeuge wurden nicht gewartet, während z.B. eine
Schwestermaschine "viel zu oft" gecheckt wurde! ValuJet litt an
Unterkapazitäten.
Es
mangelte an Personal und die rasante Expansion wirkte sich natürlich auf die
internen Probleme deutlich negativ aus. Jedes Flugzeug wurde von der FAA neu zertifiziert und gründlichen
Untersuchungen unterzogen. ValuJet konnte später als geplant, Ende September 1996,einen stark
eingeschränkten Flugbetrieb mit einer reduzierten DC-9-32 Flotte wieder
aufnehmen. Alle
bis dato ausgelieferten MD-80 wurden nicht wieder in Dienst gestellt, ebenso
wurden die vier DC-9-21 verkauft. ValuJet wurde einer noch nie da gewesenen Kontrolle seitens der Behörden
unterzogen, alles neu zertifiziert und viele Experten bezeichneten die
"neue" ValuJet als sicherste Fluglinie. ValuJet konnte aber das Vertrauen
der Kundschaft nicht mehr gewinnen und nach dem Zusammenschluss mit der
AirTran kommen die von ValuJet bestellten MD-95 jetzt bei der AirTran mit
der neuen Typenbezeichnung B717-200 sehr erfolgreich zum Einsatz.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Airbus bei der
ValuJet-Ausschreibung ihren Airbus A319 ins Rennen schickte. Mittlerweile
entwickelt Airbus eine noch weiter geschrumpfte Version mit der
Typenbezeichnung A318.
Siehe bitte
auch im Zusammenhang mit der Boeing 717:
Siehe bitte
auch im Zusammenhang mit Flug 592:
Courtesy: ValuJet
Oben: Mit solchen
Meldungen machte ValuJet bis Mai 1996 auf sich aufmerksam. Diese Meldung
stammt vom Frühjahr 1996.
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